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Gluehkopf

Größenbegrenzung

Die Entflechtung der existierenden Banken-Konglomerate wäre die wichtigste Regulierungsmaßnahme zum Zwecke einer entscheidenden Verbesserung unseres Geld- und Finanzsystems. Sie lässt sich bequem in einem einzigen Satz angeben:
Kein Finanzunternehmen sollte eine Bilanzsumme von
mehr als 100 Mrd. € aufweisen

Natürlich ist diese Zahl in einem gewissen Sinne beliebig. Es geht jedoch darum, eine plausible Größenordnung für das Schrumpfen der Megabanken festzusetzen. Immerhin wurden im Jahre 2009 in den USA 19 „systemrelevante“ Banken in einen Stresstest einbezogen, die als „Zulassungskriterium“ genau über dieser Grenze lagen.
Der Einwand, die vorgeschlagene Größenordnung sei zu gering, wäre wenig stichhaltig: Bis zur Mitte der 1990er Jahre überschritten die allermeisten Investmentbanken diesen Wert nicht wesentlich. So hatte z.B. Goldman Sachs gegen Ende der 90er Jahre gerade erst ein Viertel seiner heutigen Größe.

Folgende Gründe für die vorgeschlagene Schrumpfung sind zu nennen:

  1. Große Institute kann man schlecht fallen lassen, ohne das gesamte Finanzsystem – und in dessen Folge auch die Realwirtschaft - in Gefahr zu bringen: Die vielbeschworene too-big-to-fail-Problematik. Finanzinstitute in der vorgeschlagenen Größenordnung ließen sich im Bedarfsfall dagegen problemlos abwickeln.
  2. Weil Finanzmarktakteure auf das momentan durch t-b-t-f erzeugte Sicherheitsnetz vertrauen, werden sie animiert, höhere Risiken einzugehen: Die Moral Hazard-Problematik. Das wäre dann ebenfalls erledigt.
  3. Der Steuerzahler müsste nicht länger für die Schadensbehebung von drohenden Bankenzusammenbrüchen aufkommen, für deren Ursachen er ohnehin nicht unmittelbar verantwortlich ist.
  4. Da Größe erfahrungsgemäß Macht und Einfluss im Gefolge haben, wäre der Gefahr einer oligarchischen Aushöhlung der Demokratie durch die Finanzbranche ein Riegel vorgeschoben. Denn man sollte nicht vergessen, dass beispielsweise die Deutsche Bank heutzutage eine Bilanzsumme aufweist, die dem BIP Deutschlands kaum nachsteht.
  5. Eine Größenkonzentration der Institute widerspricht auch dem Prinzip des freien Wettbewerbs. Aus der beherrschenden Marktstellung vor allem im (OTC)Derivate-, Währungs- und Anleihebereich sowie den Wechselwirkungen zwischen ihnen können einigen Marktakteure bequem Oligopolgewinne realisieren, die nicht im Geringsten auf wohlfahrtserhöhenden Leistungen beruhen.

Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich die Wettbewerbstheorie hier nicht herausgefordert fühlt, Stellung zu beziehen. Man könnte sich auch fragen, warum niemand bei der WTO vorstellig wird, um die Rettungsaktionen als unfairen Protektionismus zu brandmarken.

Zur weltweiten Allianz der Einsichtigen, die eine Zerschlagung bzw. Entflechtung und Dekonzentration der Finanzkonglomerate fordern, hat sich neben Paul VolckerJoseph StiglitzJames GalbraithPaul Welfens und Attac auch der nunmehr viel gescholtene Alan Greenspan gesellt. (Letzterem entfuhr vor einiger Zeit der geistreiche Satz: 'If they are too big to fail, they are too big.') Für eine Größenbegrenzung haben sich auch der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand, sowie einige Wirtschaftsjournalisten ausgesprochen, die die Finanzkrise von 2008 nachzeichnen. 

Abschließend sei festgestellt, dass eine Größenbegrenzung alleine nicht ausreichen dürfte, weil grundsätzlich auch viele kleinere Einheiten z.B. durch gleichgerichtetes Verhalten oder hohe Risikobereitschaft systemische Auswirkungen haben können.

Literaturhinweise:
J. Stiglitz: "Government failure vs. market failure: Principles of Regulation", 2010
J. Galbraith: "Who are these economists, anyway", 2009
P. Welfens: "Transatlantische Bankenkrise", 2009