Volkswirtschaftliche Saldenmechanik

Buddhismus
Ihr wollt, dass die Unmoral verschwindet?
Dann muss erst die Moral weg.
Denn die Moral erzeugt die Unmoral.

VWL: Denken mit Gegenbuchung

Logik
Saldenmechanik - der Begriff klingt wie ein Relikt aus frühindustriellen Tagen – gleichzeitig nach Buchhaltung und nach Gewinden oder quietschenden Kurbeln – und damit nach einer mechanistischen Auffassung von Wirtschaft. So manch ein Ökonom dürfte dieser Tage trotzdem den „guten alten Stützel“ aus dem Bücherregal holen, denn nie war er so wertvoll wie heute. Das mag auf den ersten Blick überraschen, da der saldenmechanische Ansatz auf reinen Buchhaltungsidentitäten basiert, also im Grunde immer auch die Gegenbuchung beim Partner eines Geschäftsvorfalls beachtet. Das bedeutet z.B., dass der Verkauf des einen stets der Kauf des anderen ist, dass gesamtwirtschaftlich die Summe der Ausgaben einer Periode stets gleich der Summe der Einnahmen einer Periode sein muss und ähnliches mehr – sozusagen die ökonomische Anwendung der mathematischen Gleichung 2 + 2 = 4.
Allzu vieles von dem, was heute vorschnell zu einer Frage der Theorie oder der Ideologie erklärt wird, ist bei kritischer Betrachtung nur eine Folge bewusst oder unbewusst ungenauen Denkens. Zunächst einmal muss in einer Diskussion um geldtheoretische Fragen immer unterschieden werden zwischen Zusammenhängen, die vom menschlichen Verhalten abhängen (Beispiel Finanzkrise) und solchen, über die sich unabhängig davon streng Allgemeingültiges aussagen lässt. Allein diese „trivial-arithmetischen“ Zusammenhänge sind Gegenstand der Saldenmechanik.

Wenn also die Volkswirte die gesamtwirtschaftliche Logik nicht in die politische Diskussion einbringen, verkommt diese tatsächlich zum Diskurs über Ideologie oder fällt schlicht in einzelwirtschaftliches Kalkül zurück. Denn für den Großteil der Bevölkerung, für Unternehmer ebenso wie für alle anderen, ist gewöhnlich das Verständnis von Wirtschaft durch ihre einzelwirtschaftliche, haushälterische Erfahrung geprägt. 

Achtung: Geldsparer

"Sparen ist immer gut, Schulden machen ist immer schlecht", lautet deshalb ein bekanntes Credo. Wenn aber die Wirtschaftspolitik zu rationalen Entscheidungen kommen soll, bedarf es einer dauernden Korrektur dieses einzelwirtschaftlichen Denkens durch die Volkswirtschaftslehre. Denn die makroökonomischen Einsichten, die sich mit Hilfe der Saldenmechanik gewinnen und leicht begründen lassen, widersprechen völlig dem mikroökonomischen Denken.

Danach gilt nämlich:


Globale Staatsverschuldung (Ausgabenüberschuss) =
globale private (Netto-)
Geldvermögen (Einnahmenüberschuss)

Was wiederum für ein Exportüberschussland wie Deutschland bedeutet:

Staatsschuldenwachstum = Wachstum der privaten (nichtstaatlichen) Geldvermögen abzgl. Exportüberschüsse

Bei den allermeisten der aktuell heftig diskutierten Fragen geht es nämlich erst in zweiter oder dritter Linie um die Auseinandersetzung in Glaubensfragen - oder wie Stützel zu sagen pflegte „Verhaltensvermutungen“. Basierte die Diskussion auf einer vorurteilsfreien ökonomischen Analyse, in der nach vollkommener Klarheit über die präzisen Größenbeziehungen gesucht würde, erledigten sich – wie man an dem Beispiel sehr schön erkennt - viele Glaubensfragen vorzeitig.

Wolfgang Stützel, 1958:

Buchtipp: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik Buchtipp: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik
"So besteht zwischen der Wirtschaftstätigkeit des Herrn Schulze und der Tätigkeit aller übrigen Mitglieder der Weltwirtschaft außer zahllosen anderen Beziehungen auch noch der primitive Zusammenhang, dass stets, sooft Herr Schulze mehr verkauft und einnimmt als er selbst kauft und ausgibt, die „übrige Weltwirtschaft“ im gleichen Zeitraum einen gleichgroßen Überschuss Ihrer Käufe über Ihre gleichzeitigen Verkäufe haben wird, da offensichtlich jeder Verkaufsakt für den Partner einen Kaufakt darstellt. Man braucht, um derartige Zusammenhänge darzustellen, keine höhere Mathematik, es genügt, im Bewusstsein zu halten, dass eben auf dieser Erde stets 2 + 2 = 4 bleibt; wir nennen sie deshalb trivial-arithmetische Zusammenhänge.

Man könnte vermuten, dass solche arithmetischen Zusammenhänge wie der unseres kleinen Beispiels stets so primitiv und so selbstverständlich sind, daß es gar nicht nötig ist, sie eigens zu erwähnen, geschweige denn zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen.

Prüft man aber Aussagen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge etwas näher unter diesem speziellen Aspekt, dann muß man leider feststellen, daß gerade diese 'primitiven' Zusammenhänge vielfach nicht beachtet werden."

Saldenmechanik für Dummies

Stützel verwendet zum Teil Begriffe, die den meisten Menschen im Zusammenhang mit der Volkswirtschaftslehre nicht geläufig sind und daher befremdlich erscheinen mögen (z.B. Partialsatz, Globalsatz, Größenmechanik, Problemverschlingung, Gleichschritt, Nachhinkeffekt, usw.). Sie sind aber wissenschaftlich eindeutig begründet und beschreiben daher exakt den jeweiligen Zusammenhang – seiner Zeit gemäß allerdings auf Deutsch. Wen das stört, der sollte sich fragen, ob Termini wie „quantitive easing“, „deleveraging“, „credit default swap“ oder „moral hazard“ eher zur Verständnis- und Vertrauensbildung der Menschen in unserem Lande beitragen.

Mit Wolfgang Waldner lässt sich festhalten, dass die Saldenmechanik einer Ökonomie eigentlich völlig trivial ist und formal den Regeln der Buchführung entspricht. Allgemein leicht verständlich gemacht fasst er sie stark vereinfacht wie folgt zusammen:

"völlig trivial"

(Effekt anhalten mit Mouse-over)
Schlussfolgerung:
Damit eine Volkswirtschaft nicht in eine sich selbst verstärkende Spirale der Unterauslastung gerät, muss die folgende Bedingung erfüllt sein:

geplante Einnahmenüberschüsse (+Kredittilgungen) <= geplante Ausgabenüberschüsse

Sind die geplanten Einnahmenüberschüsse (das angestrebte Sparen) kleiner als die geplanten Ausgabenüberschüsse (die Verschuldung), dann wächst die Ökonomie bis zur Vollauslastung des Produktionspotenzials real und darüber hinaus nominal (zuletzt steigen nur noch die Preise). In der Regel wird der Umfang des geplanten Sparens und der geplanten Verschuldung von der Geldpolitik der Notenbank mit entsprechend angepassten Zinssätzen für das Zentralbankgeld gesteuert.
Partialsatz:
Je geringer die Ausgaben, desto größer der Einnahmenüberschuss. “Sparen” (“Konsumverzicht”) im Sinne einer Einschränkung der Ausgaben und “Sparen” im Sinne der Bildung eines Einnahmenüberschusses sind also positiv korreliert.

Größenmechanik:
Es besteht keinerlei Korrelation zwischen Sparen im Sinne eines Ausgabenrückgangs und Sparen im Sinne eines Einnahmenüberschusses. Vielmehr führt ein Ausgabenrückgang einer Gruppe nur dann zu einem Einnahmenüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabenüberschuss vor- oder hinnimmt. Andererseits kommt es bei jeder Gruppe auch ohne Ausgabenrückgang stets zu einem Einnahmenüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen solchen Ausgabenüberschuss vornimmt.

Globalsatz:
Ein Ausgabenrückgang führt stets zu einem Einnahmenrückgang und nie zu einem Einnahmenüberschuss.

Umsparen ist die Devise

Umsparen
Wenn mit Sparen also Geldvermögensbildung gemeint ist, dann muss der Versuch aller Wirtschaftssubjekte, vermehrt Geldvermögen zu bilden, zwangsläufig zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Aktivität führen. Genau in diese verkehrte Richtung weisen aber sowohl die maßgeblich durch die deutsche Bundesregierung vorangetriebene europaweite Einführung der "Schuldenbremse" als auch die immer stärkere Kapitaldeckung der Rentensysteme.

Die Geldvermögen (Ersparnisse) können gesamtwirtschaftlich nie vermehrt oder vermindert, sie können stets nur umgeschichtet werden. Demgegenüber sind Sachvermögen (Maschinen, Anlagen, Gebäude etc.) sehr wohl auch gesamtwirtschaftlich veränderbar: Dies geschieht durch (Netto-)Investitionen, die nichts anderes sind als die Bildung von zusätzlichem Sachvermögen. Für das längerfristige Wachstum einer Wirtschaft sind diese Investitionen und die damit verbundene Steigerung der (Arbeits-)Produktivität von zentraler Bedeutung.

Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Saldenmechanik würde es also naheliegen, stärker die Bildung von Sachvermögen zu fördern als die Geldvermögensbildung. Unter diesem Aspekt muss dann auch der Abbau des staatlichen Finanzierungsdefizits in einen Zusammenhang mit dem Abbau von Überschüssen und Defiziten im Außenhandel gesehen werden. In diesem Sinne wäre dann in Europa zweifellos eine größere Koordination der Wirtschaftspolitik erforderlich, die im Euroraum ohne die Möglichkeit von Wechselkursanpassungen der Währungen vor allem auf einen Ausgleich der Inflationsraten über die Lohnentwicklung erfolgen muss.

Gürtel enger schnallen?

Denn die Tatsache, dass Deutschland (- der gescholtene Musterschüler? -) seit Jahrzehnten Waren und Dienstleistungen von größerem Wert exportiert als es einführt, bedeutet nichts anderes, als dass es seinen Handelspartnern sozusagen sein eigenes Defizit aufs Auge drückt. Das allerdings, ohne ihnen auch nur die Chance zu geben, diesen „Kredit“ jemals zurück zu zahlen. Denn dazu muss derjenige ja, der bisher Defizite (in seiner Leistungsbilanz) hat und andauernd neue Nettokredite aufnimmt, in Zukunft irgendwann einmal Überschüsse erwirtschaften. Wenn jedoch der andere, der stets unter seinen Verhältnissen lebt, also wie Deutschland weniger verbraucht, als er produziert, niemals Defizite akzeptiert und stattdessen seine Überschüsse noch mit Zähnen und Klauen (Lohndumping) verteidigt, verhindert bewusst einen Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeiten. Dann muss er allerdings auch hinnehmen, dass ein Großteil der Ressourcen, die er seinen Handelspartnern temporär überlassen hatte, endgültig für ihn verloren ist.


DIE SCHNELLE ARGUMENTATIONSHILFE
ZUM AUSDRUCKEN UND MITNEHMEN