logo.gif
sapere aude
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Gluehkopf

Nettoinvestition und Kreditschöpfung


Der Nutzen der saldenmechanischen Zusammenhänge besteht zunächst einmal darin, dass eine sorgfältige Beachtung den Analytiker davor bewahrt, Sachverhalte als notwendigerweise zusammengehörig anzusehen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind. Das scheinbar notwendige Zusammenfallen dieser Sachverhalte ist oft nur eine Folge eines unbedachten Anwendens von Partialsätzen auf die Gesamtwirtschaft. Stützel unterscheidet vier verschiedene Gleichheits-Sachverhalte, die völlig unabhängig voneinander sind:
1) Gleichgewicht:
das bedeutet die Vereinbarkeit der Pläne der Wirtschaftssubjekte, d.h. dass z.B. geplantes Angebot und geplante Nachfrage miteinander übereinstimmen und die Wirtschaftssubjekte ihre diesbezüglichen Pläne auch tatsächlich realisieren können;


2) Gleichschritt:
das bedeutet die synchrone Änderung von Einnahmen und Ausgaben bei vielen oder sogar jedem Wirtschaftssubjekt; damit treten bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten keine Einnahme-Ausgabe-Salden auf bzw. etwaige bestehende Salden bleiben konstant;


3) Gleichbleiben der Gesamtausgaben:
die Gesamtausgaben (und damit natürlich auch die Gesamteinnahmen) in einer Volkswirtschaft in einer Periode bleiben gegenüber der Höhe der Ausgaben (und Einnahmen) in der Vorperiode gleich;


4) Gleichbleiben des realen Kapitalstocks:
in der Wirtschaft finden keine positiven Nettoinvestitionen statt.


Dennoch werden zwei oder auch mehr dieser vier Sachverhalte oft stillschweigend oder auch ausdrücklich miteinander identifiziert, was Stützel als „Problemverschlingung“ bezeichnet.

Beispiel: Es wird oft argumentiert, eine positive Nettoinvestition erfordere eine entsprechende Geld- bzw. Kreditschöpfung in gleicher Höhe, damit die Investition finanziert und durchgeführt werden kann.

Mit anderen Worten: Abwesenheit von Merkmal 4 bedinge auch Abwesenheit von Merkmal 2; da die zusätzliche Investitionsausgabe die Einnahmen übersteige, sei damit auch der Gleichschritt von Einnahmen und Ausgaben aufgehoben. Dies ist jedoch wiederum nur einzelwirtschaftlich richtig; denn es gelten folgende Zusammenhänge:

Im Sinne eines Partialsatzes ist es richtig, dass eine positive Korrelation besteht zwischen einer Steigerung der Investitionsausgaben und der Bildung eines Ausgabenüberschusses. Für jedes einzelne Wirtschaftssubjekt gilt also, dass zur Erhaltung eines bestimmten Zahlungsmittelbestandes und damit einer konstanten Liquidität der Kreditbedarf umso größer ist, je höher die Investitionsausgaben ausfallen.

Hinsichtlich der Größenmechanik gilt jedoch, dass tatsächlich gar keine unmittelbare Korrelation zwischen der Höhe (oder Steigerungsrate) der Investitionsausgaben eines Wirtschaftssubjekts (oder einer Gruppe von Wirtschaftssubjekten) und dessen Kreditbedarf zur Aufrechterhaltung seiner Liquidität besteht. Der Kreditbedarf zur Erhaltung des Liquiditätsstatus ergibt sich vielmehr aus dem Umfang der Geldvermögensbildung der Komplementärgruppe. Denn bildet die Komplementärgruppe kein Geldvermögen, d.h. gibt sie die Einnahmen, die aus den Ausgaben der Gruppe der investierenden Wirtschaftssubjekte erhält, sofort wieder aus, fließen der investierenden Gruppe ja sofort wieder Zahlungsmittel bzw. Geldvermögen im entsprechenden Umfang zu, und zwar gänzlich unabhängig von der Höhe der Investitionsausgaben.

Als Globalsatz ergibt sich daraus, dass für die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte der Kreditbedarf zur Erhaltung eines gleichbleibenden Liquiditätsstatus gleich Null ist, egal wie sich die Investitionsausgaben entwickeln. Also gilt:
ausrufezeichen41.gif

Kreditbedarf als Folge von Investitionsausgaben ist ein reines Vorsprungsphänomen.
Wenn die Wirtschaftssubjekte keine (nennenswerte) Bildung von Geldvermögen planen, sondern entstehende Einnahmen sogleich für weitere Ausgaben nutzen, entsteht auch kein nennenswerter Kreditbedarf.


Quelle: Johannes Schmidt, "Saldenmechanik: ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung der makroökonomischen Theorie?", 2009